Größenwahn in Spanien – Ein Las Vegas für Europa
![]() |
|
Es war eng im Säulensaal des altehrwürdigen Pignatelli-Gebäudes von Saragossa, dem Sitz der Regierung der nordspanischen Region Aragonien, und das war dem Anlass wohl auch angemessen. Zumindest, wenn man den Worten von José Ángel Biel trauen wollte, dem stellvertretenden Chef der gastgebenden Regionalregierung.
“Dies ist das Größte, was Aragonien seit den Tagen von Ferdinand dem Katholiken zugestoßen ist”, sagte Biel, und er meinte das wohl ernst, obwohl Ferdinand, der seinerzeit einen wesentlichen Teil zur Gründung des Königreichs Spanien beitrug, nun schon seit nahezu 500 Jahren tot ist. “Gran Scala” nennt sich das Projekt, das Biel derart jubilieren ließ – und groß ist es in der Tat.
Denn hinter der Chiffre “Gran Scala” verbirgt sich ein spanisches Las Vegas. Oder genauer: der größte Freizeit- und Glücksspielpark Europas. Mitten in einer aragonischen Steppengegend namens Los Monegros.
|
Gleich 17 Milliarden Euro will ein aus zwölf Firmen bestehendes Konsortium namens “International Leisure Development” (ILD) in die Gegend pumpen; wie die Zeitung El País errechnete, kosteten die Olympischen Spiele von Barcelona 1992 gerade einmal die Hälfte. Bis zur Fertigstellung des 2000 Hektar großen Areals im Jahr 2023 sollen insgesamt 32 Casinos aus dem Boden gestampft werden, für das Projekt sind darüber hinaus 70 Hotels, 232 Restaurants, 500 Läden, eine Pferderennbahn, (mindestens) ein Golfplatz, eine Stierkampfarena, Vergnügungsparks sowie Museen geplant. Sechzehn verschiedene Perioden der Menschheitsgeschichte sollen dort dargestellt werden. Auch die Casinos sollen im Stile von Themenparks gehalten werden. 25 Millionen Besucher erwartetAls erstes wird für 181 Millionen Euro “Spyland” entstehen – ein Spionage-Spielplatz auf 65 Hektar, der von 2010 an besucht werden kann. “Dies wird mehr als bloß Glücksspiel sein – reines Vergnügen”, sagte Nicholas Khin von “Aristrocat Technologies”, einem australischen Produzenten von Glücksspiel-Anwendungen, der zum Investoren-Pool gehört. Mit etwa 25 Millionen Besuchern jährlich rechnet ILD, das entspricht mehr als der Hälfte der Touristen, die Spanien 2006 besuchten, und dem Zehnfachen der Besucher, die Aragonien bislang empfängt. Die Zahl von 25 Millionen sei nicht aus der Luft gegriffen, sondern basiere auf Marktstudien, versicherte Gabriel Tayoun vom französischen Baukonzern “Europtima”, der auch Teil von ILD ist. Tatsächlich werde der Park über Kapazitäten für 35 Millionen Besucher verfügen. Zum Vergleich: In Las Vegas schauen 41 Millionen Menschen pro Jahr vorbei. Dort stehen jedoch 200 000 Münzautomaten, derweil Gran Scala mit lediglich 30 000 bis 40 000 einarmigen Banditen plant. Gesetze müssen noch geändert werdenDoch bis diese Automaten Euromünzen schlucken, werden die Spanier noch einige Grundstücke in Bauland umwidmen müssen. Angeblich steht der genaue Ort des europäischen Vegas schon fest, verkündet wurde er aber am Mittwoch noch nicht. Auch werden manche Gesetze geändert werden müssen. Nach geltender Lage darf in Spanien pro Provinz nur ein einziges Casino stehen. In Aragonien zumindest zeichnet sich schon jetzt ein breites Parteienbündnis für den Riesenkomplex ab, die Aussicht auf angeblich bis zu 65 000 Arbeitsplätze, 670 Millionen Euro Steuergewinn für die Region sowie eine Milliarde Euro für den spanischen Fiskus will niemand trüben. Mit Ausnahme von Umweltschützern sowie des einsamen Streiters der postkommunistischen Vereinigten Linken (IU), Adolfo Barrena. “Ökologischer Wahnsinn”Der Politiker klagt, dass die annähernd einjährigen Verhandlungen in aller Stille geführt wurden, ehe das Projekt Mitte November publik wurde und die Betreiber mit der Aussicht auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen warben. Angesichts vorgeblich blendender Zahlen verwundert kaum noch, dass Barrena meint, “alleine und als Spaßverderber” dazustehen. Obwohl das, was man dort plane, moralischer und ökologischer “Wahnsinn” sei. Sonderlich viele Wasservorräte hat Aragonien nämlich nicht zu bieten. Den Bewohnern der agrarisch geprägten Gegend ist das durchaus bewusst. Als vor einigen Jahren die Umbettung des Ebro-Flusses zur Debatte stand, war der Protest gerade in Aragonien enorm. Los Monegros, wo an 85 von 100 Tagen die Sonne scheint, ist eine in den vergangenen Jahrhunderten hemmungslos abgeholzte Gegend, in der aus Mangel an Wasser so gut wie nichts angebaut werden kann. Der größte Ort in dem Landstrich hat gerade einmal 5000 Einwohner. Wie dort bis zu 100 000 Menschen täglich versorgt werden sollen, wurde auch bei der Vorstellung von “Gran Scala” nicht klar. Man werde “umweltverträglich” arbeiten und sich an Wasseraufbereitungsprojekten aus Dubai und Marokko orientieren, versichern Regierung und ILD lediglich. Anschauungsunterricht könnten sie aber auch in der Landeshauptstadt Saragossa nehmen – dort wird im kommenden Jahr die Weltausstellung EXPO eröffnet. |
|
|
|
Article from: http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/577/148227/
Aún no hay comentarios.








